Arbeitslosigkeit

Neben den verschiedenen Beschäftigungsformen ist für die Analyse der Klassenverhältnisse natürlich auch die wachsende Zahl derer, die trotz Lohnabhängigkeit keine Beschäftigung gefunden haben. Soweit diese beim Arbeitsamt gemeldet sind, gehen sie i.d.R. auch in die offizielle Arbeitslosenstatistik ein. Von den als arbeitslos Gemeldeten erhalten allerdings nur rund 80% Arbeitslosengeld oder –hilfe.

Mit statistischen Tricks werden immer wieder Versuche gemacht, gerade die Zahl der Arbeitslosen zu beschönigen. So wurden in der Vergangenheit immer wieder bestimmte Gruppen von Arbeitslosen aus der Statistik entfernt. Beliebtes Mittel der "Verringerung" der Arbeitslosigkeit – gerade vor Wahlen – ist eine Erhöhung der Zahl der staatlich geförderten Beschäftigungsmaßnahmen (ABM, SAM). Aber auch die Erhebungs- bzw. Berechnungsbasis wird immer wieder verändert. Derzeit wird die Arbeitslosenquote als der Anteil der registrierten Arbeitslosen an den abhängigen Erwerbspersonen berechnet. Durch die Einbeziehung der geringfügig Beschäftigten in die Erwerbstätigenstatistik hat sich ebenfalls die Arbeitslosigkeit verringert. Zu untersuchen bleibt, inwiefern der Rückgang der Arbeitslosigkeit in den verschiedenen Ländern nicht auch auf den Abgang der Arbeitslosen in die verdeckte Arbeitslosigkeit infolge Resignation, wie auch auf statistische Tricks zurückzuführen ist.

Im Zuge der Vereinheitlichung der europäischen Statistik soll die Quote auf Basis der Erwerbspersonen insgesamt ermittelt werden, d.h. einschließlich der Selbständigen. Dadurch würde sich die Arbeitslosenquote in Deutschland derzeit um gut einen Prozentpunkt verringern. Ausserdem ist die Definition, welcher Personenkreis als arbeitssuchend in die Statistik eingeht, in den verschiedenen Ländern und Institutionen sehr unterschiedlich. So sind laut OECD nur diejenigen arbeitslos, die "sofort für eine Arbeit zur Verfügung stehen" und auf der Suche nach einem Arbeitsplatz sind. So würde sich die amtliche Zahl der Arbeitslosen des Bundesamtes für Arbeit um ca. 600.000 Menschen für das Jahr 2000 verringern, wenn man die Definition der OECD zugrunde läge.

In den USA werden die Arbeitlosenkennziffern mit Hilfe von Befragungen von Haushalten ermittelt. Wer im Befragungszeitraum auch nur einen Tag gearbeitet hat, fällt aus der Arbeitslosenstatistik heraus, ebenso diejenigen, die im betrachteten Zeitraum sich nicht aktiv selbst um Arbeit gekümmert haben.

Ungeachtet dessen hat sich die Arbeitslosigkeit in den letzten 30 Jahren signifikant erhöht. Einen deutlichen Schub gab es jeweils im Gefolge der ökonomischen Krisen sowie durch die Zerschlagung der ostdeutschen Produktionsstandorte nach der "Wiedervereinigung". In den EU-Staaten hat es in der zweiten Hälfte der 90er Jahre laut OECD-Statistiken einen Rückgang der Arbeitslosigkeit um fast 3% gegeben. Im gleichen Maße sank die Arbeitslosigkeit in den USA, während sie sich in Japan im gleichen Zeitraum fast verdoppelt hat.

Deswegen wurde in der sozial- bzw. volkswirtschaftlichen Statistik die Kategorie der "Stillen Reserve" eingeführt. In diese werden all diejenigen aufgenommen, die in der amtlichen Statistik nicht auftauchen, aber dennoch Arbeit suchen oder aber sich in vom Arbeitsamt geförderten Schulungs-, Qualifizierungs- oder Beschäftigungsmaßnahmen befinden bzw. in Vorruhestand geschickt wurden, aufgenommen. Erstere zählen zu der "Stillen Reserve im engeren Sinne", letztere, d.h. diejenigen in Maßnahmen, zu der im weiteren Sinne. Die Fluktuation innerhalb der Stillen Reserve ist sehr hoch, etwa alle vier Jahre hat der betroffenen Personenkreis vollständig gewechselt.1

Aus der Anzahl der Erwerbspersonen (Erwerbstätige + registrierte Arbeitslose) und der Stillen Reserve kann man das Erwerbspersonenpotential berechnen, also die Gesamtheit derer, die bei optimalen Arbeitsmarktbedingungen sich in Arbeit befinden würden. Eine realistische Bestimmung der Arbeitslosenquote müsste also die Gesamtheit der Arbeitslosen, einschließlich stiller Reserve, und auf Basis des Erwerbspersonenpotentials erfolgen.

Eine weitere Möglichkeit, fehlende Arbeits-/Einkommensmöglichkeiten zu ermitteln, ist die Ermittlung der "Unterbeschäftigung". In den USA versuchen seit 1970 SozialwissenschaftlerInnen mit Hilfe des "Census Employment Survey (C.E.S.)" durch Umfragen das reale Ausmaß der Arbeitslosigkeit zu ermitteln. So werden zusätzlich zur amtlichen Statistik diejenigen ermittelt, die keine Arbeit mehr suchen, weil sie schon entmutigt sind, diejenigen, die keine ausreichend bezahlte Arbeit finden sowie der Anteil derjenigen Teilzeitbeschäftigten, die dies nur mangels eines Vollzeitjobs tun. So machte 1999 die offizielle Arbeitslosigkeit nur etwas mehr als die Hälfte (55,8%) der realen Unterbeschäftigung aus.2 Hinzuzurechnen wären weiterhin diejenigen, die auch mit einer Vollzeitbeschäftigung keinen ausreichenden Verdienst erzielen und eigentlich noch einen entsprechenden weiteren Job benötigen.

Fussnoten
1
DIW-Wochenbericht 47/97
2
Mishel/Bernstein/Schmitt: The State of Working America 2000/2001, Ithaca, New York 2001, S.223

Bild 1

Bild 1 Arbeitslosigkeit und abhängige Beschäftigung in Deutschland 1971-1999, Quelle: Müller-Jentsch / Ittermann: Industrielle Beziehungen, Frankfurt/New York 2000, S.64; Statistisches Taschenbuch 2000, Tab. 2.5 u. 2.10

Bild 2

Bild 2 Anteil der registrierten Arbeitslosen an den abh. Erwerbspersonen sowie Anteil der Arbeitslosen + Stille Reserve am abh. Erwerbspersonenpotential in Deutschland (1971 - 1999), eigene Berechnungen nach Quellen zu Bild 16

Bild 3

Bild 3 Anteil der von Arbeitslosigkeit Betroffenen an den abh. Erwerbspersonen sowie durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit in Wochen, Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Hrsg.): Zahlen-Fibel, Ergebnisse der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Tabellen, Nürnberg 2000

Bild 4

Bild 4 Offene und verdeckte Arbeitslosigkeit – Anteile in % an der Gesamt-Arbeitslosigkeit 2000 (5,68 Mio), Quelle: Kahrs, Horst: Schröders neue Jobs, Arbeitsmarkt 2000, Berlin 2001

Bild 5

Bild 5: Arbeitslosenquote in den OECD-Ländern (1993-2000). Quelle: OECD Employment Outlook 2001, S.208


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